300: Rise Of An Empire (2014)

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Frank Miller ist so ’ne Sache. Seit ein paar Jahren schon bezeichnen Kritiker und auch Autorenkollegen wie Alan Moore Millers Schaffen eigentlich weitestgehend nur noch als hanebüchenen, teils faschistischen, teils sexistischen, teils homophoben und teils unreflektiert islamfeindlichen Blödsinn. Dass Miller es mit political corectness eh nicht immer so ernst genommen hat, haben auch seine früheren Werke schon angedeutet, aber war er um die Jahrtausendwende noch eines der Sinnbilder der anspruchsvollen, düsteren amerikanischen Comicunterhaltung, ist er in den letzten Jahren tief gefallen. Auch seine mit „Sin City“ recht gut angelaufene Filmkarriere wurde durch den wundervoll katstrophalen „The Spirit“ relativ rasch wieder abgewürgt. Um so faszinierender, dass nach acht Jahren dann doch endlich die schon länger geplante Fortsetzung des Überraschungserfolges „300“, „300: Rise Of An Empire“, der auf dem im Augenblick (Stand August 2014) immer noch nicht erschienen Comic „Xerxes“ basiert, die Kinosäle der Welt enterte. Und da „300“ trotz unbestreitbarer Qualität nicht unbedingt ein Film war, der dringend ein Sequel gebraucht hätte, stellt sich natürlich die Frage, was man von „300: Rise Of An Empire“ halten soll.

Erstaunlich viel. Zack Snyder, der Regisseur des Vorgängers, hat auf den Produzentenstuhl gewechselt, der relative Frischling Noam Murro, der 2008 „Smart People“ mit Dennis Quaid und Ellen Page drehte, durfte das Sequel mit beinahe dem doppelten Budget des Originals stemmen. Ob Murro jetzt eine gute oder schlechte Idee für den Regieposten war ist diskutabel, aber weder die Befürworter noch die Gegner dürften viele Argumente für ihre Position finden. Denn Murro snydert sich ziemlich gesichtslos durch die Angelegenheit. Was keine schlechte Sache ist. Stilistisch lässt sich beinahe kein Bruch zum Vorgänger feststellen, abgesehen davon, dass Murro im Auftakt etwas zu krampfhaft versucht, den Stil seines Gönners zu imitieren, wirkt das doch weitestgehend wie aus einem Guss. Tatsächlich wäre es, da „300: Rise Of An Empire“ sich nicht als klassisches Sequel versteht, sondern vor, parallel zu und nach „300“ spielt, ein interessantes Experiment (gewesen?), die beiden Filme „ineinander“ zu schneiden und so ein größeres, stärker vernetztes Epos zu erschaffen.

Denn „300“ profitiert von seinem Sequel. Da „300: Rise Of An Empire“ stärkeres Augenmerk auf Worldbuilding legt und sich exaltierter darum dreht, was in „300“ überhaupt auf dem Spiel stand und inwiefern sich die Handlung des ersten Films auf die Weltgeschehnisse auswirkte (der fiktiven selbstverständlich, auch wenn immer noch ein Haufen Kritiker den Filmen ihre mangelnde historische Akkuratesse vorwerfen, geben diese sich eigentlich nur selbst der Lächerlichkeit preis, denn surprise surprise, „300“ und sein Sequel sind keine Dokumentationen sondern lediglich pseudohistorisch angehauchte Unterhaltungsfilme), gewinnt das ganze Franchise massiv an Gravitas. In „300: Rise Of An Empire“ lernen wir endlich, wer dieser Xerxes überhaupt ist, was ihn antreibt, was die Spartaner des ersten Teils für einen Platz im fragilen politischen Gefüge der griechischen Stadtstaaten einnahmen, und wie der Rest der Welt außerhalb der Mauern Spartas überhaupt aussehen.

Insofern bietet „300: Rise Of An Empire“ eine faszinierende Herangehensweise. Zwar erkennt der Film das dramaturgische Rückgrat seines Vorgängers durchaus an, beäugt es aber auch kritisch und lässt mehr als einmal die Vermutung aufkommen, dass Leonidas und seine 300 Spartaner vielleicht doch ein wenig dumm waren. Wie oben schon erwähnt, gewinnt der Film dadurch massiv an Scope. Leonidas und die Spartaner sind plötzlich nicht mehr die unangefochtenen Protagonisten der Geschichte, sondern nur eine beteiligte Fraktion, die innerhalb eines Konflikts, der definitiv komplexer ist, als der erste Film glauben gemacht hat, eine Position einnimmt, die nicht unbedingt die richtigste war. Diese Kehrtwende von simplem aber gut gemachtem und emotional involvierenden Actionkino hin zu… etwas komplexerem aber gut gemachtem und emotional etwas weniger involvierenden Actionkino wird sicher ein paar Leute etwas unvorbereitet erwischen, aber es hilft dem Film, eine eigene Identität zu entwickeln und nicht nur als müder Abklatsch seines Vorgängers in die Geschichte einzugehen.

Davon abgesehen ist „300: Rise Of An Empire“ schlicht und ergreifend ein sehr guter Film. Die Actionszenen sind einmal mehr absolut fantastisch, unheimlich energetisch, viszeral und mit deutlich mehr Blut und Gekröse angefüllt, als der Vorgänger (deswegen wohl diesmal auch ab 18), außerdem sind sie diesmal deutlich besser über die Lauflänge verteilt. Während „300“ seine beste Actionszene schon früh abfeierte und dann gegen Ende ein wenig ausfizzelte, bietet „300: Rise Of An Empire“ eine Kaskade an sich immer wieder selbst übertreffenden Kampfszenen an, die im Finale ihren absoluten Höhepunkt erreicht. Die Effekte sind fantastisch, aber das dürfte wohl niemanden überraschen. Und was die Darsteller angeht, so ist das Fehlen von Gerard Butler doch relativ schnell verwunden, wenn Eva Green zum ersten Mal auftritt. Green ist absolut fantastisch als Artemisia, die Dame dominiert absolut jede Szene, in der sie auftritt, macht in den Actionszenen eine gute Figur und definiert somit nicht nur eine Figur, von der man nicht nur über die Laufzeit des Films hinweg immer mehr sehen möchte, sondern die auch nach dem Herunterflimmern des Abspanns für lange, lange Zeit im Gedächtnis bleiben dürfte. Greens Artemisia ist ohne zu übertreiben einer der großartigsten Film-Antagonisten aller Zeiten. Ihr Gegenspieler Sullivan Stapleton als Themistokles ist vielleicht ein wenig zu subtil für so einen lauten, lärmenden Film, aber er zerstreut relativ rasch die Sorge, dass Gerard Butler einen zu großen Fußabdruck hinterlassen haben könnte. Stapleton ist sehr stark in seinen Charakterszenen und kann auch als Actiondarsteller gut punkten. Neben diesen beiden Giganten bleibt kaum noch Platz für wirklich wichtige Nebenfiguren. Hans Matheson, Callan Mulvey und Jack O’Connell sind adäquat als Themistokles‘ Waffengefährten, hinterlassen sonst aber keinen so großen Eindruck. Rodrigo Santoro ist wieder adäquat als Xerxes und verleiht der Rolle diesmal auch ein wenig mehr Menschlichkeit. Schwachpunkt des Casts ist Lena Headey, die schon im ersten Teil nicht ganz auf der Höhe war, hier aber noch ein wenig müder und desinteressierter wirkt. Gerade ihre großen Ansprachen wollen nicht so recht überspringen, weil sie einfach zu gekünstelt wirken.

Davon abgesehen ist „300: Rise Of An Empire“ allerdings ein würdiges Sequel, ein fantastischer Actionfilm und eine tadellos durchgezogene Erweiterung dessen, was schon „300“ ausgemacht hat. Ist der Film besser als sein Vorgänger? Schwer zu sagen, wahrscheinlich nicht, aber ein direkter Vergleich fällt schwer. Obwohl die Filme zweifellos sehr stark aufeinander aufbauen, sind sie doch in Intention und Ausführung unterschiedlich genug, um als „ihr eigenes Ding“ da zu stehen und eine Daseinsberechtigung zu haben. Und angesichts der Tatsache, dass es eigentlich wirklich kein „300“-Sequel gebraucht hätte, ist dieses Urteil für „300: Rise Of An Empire“ schon ziemlich sensationell. Wer den ersten Teil mochte, muss das Ding dringend gesehen haben. Wer den ersten Teil zu stumpf fand, könnte hier eines besseren belehrt werden. Wer historische Korrektheit sucht, schaut lieber wo anders. Der abschließende dritte Teil darf gerne kommen.

300: Rise Of An Empire
USA/2014
Regie: Noam Murro
Darsteller: Sullivan Stapleton, Eva Green, Rodrigo Santoro
FSK: 18

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