Her (2014)

her

Liebesfilme sind ja so ’ne Sache. Klar, auch das ausgelutschteste Setup kann da hin und wieder mal das eine oder andere Taschentuch feucht werden lassen, sofern die Chose solide heruntergekurbelt wird. Trotzdem hat sich grob geschätzt in den vergangenen vier Jahrzehnten nicht so besonders viel daran verändert, wie Liebesschnulzen funktionieren. Ja, klar, never change a working system, trotzdem darf man doch mal ein paar Risiken eingehen und sich ein bisschen was neues einfallen lassen. Man muss ja nicht gleich den Thomas Vinterberg machen, der mit seinem „It’s All About Love“ doch weitestgehend auf Unverständnis stieß (wobei es schon interessant ist, dass Joaquin Phoenix sowohl dort als auch in unserem heutigen Sujet die Hauptrolle spielte). Manchmal reicht es ja auch, einfach an ein paar Konventionen zu rütteln. Einfach mal was anderes machen. In „Return of the Living Dead 3“ beispielsweise wurde eine Liebesbeziehung zwischen einem jungen Mann und seiner zombiefizierten Freundin (mehr oder weniger) erfolgreich thematisiert. In „Shrek“ zieht es einen Esel und eine Drachin zueinander hin. Wie könnte man also den für unsere hochtechnisierte moderne Welt logischen nächsten Schritt gehen? Vielleicht mit einer Beziehung zwischen einem Menschen und einer künstlichen Intelligenz?
Gesagt, getan. Musikvideo-Veteran Spike Jonze bewies schon mit seinem Langfilmdebut „Being John Malkovich“, dass er für abgefahrene Ideen zu haben ist. Also genau der richtige, um einen Film über die Beziehung zwischen einem Mann und einer nicht ganz gewöhnlichen Frau auf Film zu bannen, oder? Es mag den einen oder anderen vielleicht wundern, dass „Her“, der Film, der Jonze seinen ersten Oscar einbrachte, und zwar für das Drehbuch, abgesehen von seiner Grundidee ein eher konventioneller Streifen ist. Es ist schon erstaunlich, wie subtil Jonze hier vorgeht, wie geschickt er die Story um den einsamen Theodore und sein neues, hypermodernes Betriebssystem Samantha aufbaut, ohne den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Klar, die Problematik an der Sache – die Tatsache, dass Theodore ein Mensch und Samantha eine künstliche Intelligenz und damit in mancherlei Hinsicht deutlich weniger, in anderer aber auch eben deutlich mehr als „nur“ ein Mensch ist – wird nie ganz unter den Teppich gekehrt, aber andererseits reitet Jonze nicht auf der inhärenten Quirkyness der Idee herum. Tatsächlich baut er die Beziehung zwischen Theodore und Samatha ganz nüchtern und völlig natürlich auf. Trotz seiner irrealen Prämisse und seines sehr rudimentären World Buildings (wo, wann und wieso überhaupt wir uns befinden verschweigt der Film recht galant, aber die nahe Zukunft ist ein recht sicherer Tipp) bleibt der Film stets nachvollziehbar.
Und wie schon gesagt – und das kann man im modernen Mainstreamkino schon eine relativ große Überraschung nennen – macht der Film es sich mit seinem Thema nicht zu einfach. Klar könnte man bei so einem Setup problemlos die transhumanistische Schiene fahren oder sich darauf beschränken, den Umgang der Außenwelt mit dieser merkwürdigen Beziehung zu thematisieren, aber das tut „Her“ nicht. Was den Film tatsächlich von anderen Liebesfilmen abhebt ist die Tatsache, dass er quasi überhaupt nicht Reaktionär ist. Theodore und Samantha sehen sich nicht mit äußerlichen Problemen konfrontiert, die ihre Beziehung bedrohen, nicht mit gesellschaftlicher Ächtung oder solchen Geschichten. Der Film dreht sich beinahe ausschließlich um die interne Dynamik der Beziehung der beiden und bietet so einen erstaunlich frischen Ansatz, was Liebesbeziehungen in Film und Fernsehen angeht. Nicht die alte „Wir allein gegen die Welt“-Leier, sondern etwas einfacheres und zugleich viel komplizierteres. Einfach etwas realeres.
Zugute kommt dem Film die Tatsache, dass Joaquin Phoenix einer der wandlungsfähigsten und fantastischsten Schauspieler unserer Zeit ist und den Film quasi im Alleingang trägt. Er füllt die Rolle des Theodore auf eine Art und Weise mit Leben, die man so nur selten irgendwo sehen kann. Seine Chemie mit Samantha ist – gerade dafür, dass sie lediglich als Stimme auftritt – fantastisch gelungen und verleiht den emotionalsten Szenen des Films eine unheimliche Durchschlagskraft. Die schnieke Optik und der atmosphärische Soundtrack sind da nur noch das I-Tüpfelchen. „Her“ ist absolut frischer Wind im seit Jahren stagnierenden Genre des Liebesdramas. Anrührend, komisch, traurig, wunderschön und auch über die Genregrenzen hinaus ein durch und durch unterhaltsamer Film, den man dringlichst gesehen haben sollte.

Her
USA/2014
Regie: Spike Jonze
Darsteller: Joaquin Phoenix, Scarlett Johansson, Amy Adams
FSK: 12

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