Dark City (1998)

darkcity

So schnell wäre Alex Proyas vielversprechende Karriere beinahe wieder beendet gewesen. Nach dem tragischen Unfall am Set von „The Crow“, bei dem Bruce Lees Sohn Brandon Lee ums Leben kam, zog der gebürtige Ägypter Proyas sich Jahre lang komplett aus dem Showgeschäft zurück. 1998 kam er dann aber für seinen zweiten Langfilm aus der Versenkung, diesmal mit einem ganz eigenen Skript, das er gemeinsam mit dem inzwischen gern für Superheldenadaptionen gebuchten Drehbuchautor David S. Goyer zusammengebastelt hat. Der Titel: „Dark City“. Der Plot: Äh, das ist jetzt kompliziert, ohne zu spoilern…

Grundsätzlich betrachtet geht es um einen Mann namens John Murdoch, der in einer Badewanne in einem schmierigen Motelzimmer aufwacht, keine Erinnerung daran hat, wer er ist oder was er da tut, dafür allerdings nebenan eine Frauenleiche findet. Nach einem mysteriösen Anruf wird ihm klar, dass irgend jemand hinter ihm her ist. Eine Reihe von merkwürdigen, bleichen Männern mit schwarzen Hüten, die irgendwie die Kontrolle über eine Stadt, in der nie die Sonne scheint, an sich gebracht haben und dort schalten und walten, wie es ihnen beliebt. „Dark City“ ist neo-noirische Science-Fantasy wie sie im Buche steht. Irgendwo zwischen „Brazil“, „Matrix“ (die optischen Ähnlichkeiten sind kein Zufall, einige der Sets von „Dark City“ wurden im Anschluss an die Produktion an das Team von „Matrix“ verkauft und dort wieder verwendet) und einer beliebigen Raymond Chandler Story entwirft „Dark City“ seine ganz eigene Dystopie, die von unheimlichen, allmächtigen Gestalten kontrolliert wird, die hinter den Kulissen die Fäden ziehen.

Die Story von „Dark City“ ist hier und da etwas vage und der große ganze Zusammenhang bleibt zeitweise ein wenig auf der Strecke, aber genau das macht auch einen großen Teil des Reizes des Films aus. Diese Welt zu entdecken, in sie einzutauchen, ohne alle Informationen mit dem Holzhammer geliefert zu bekommen. Dabei sollte man aber im Hinterkopf behalten, dass „Dark City“ ein Film ist, der sich deutlich mehr über die Atmosphäre definiert, als über die tatsächliche Handlung. Dafür ist besagte Atmosphäre allerdings zum Niederknien gut.

Geschuldet ist das einerseits dem handwerklichen Geschick von Proyas, der schon in „The Crow“ den mystisch-mythologischen Ansatz hervorragend mit der finsteren, urbanen Crimestory verbunden hat und genau dasselbe auch hier wieder bewerkstelligt. Enge Seitengassen, düstere Hinterhöfe, heruntergekommene Treppenhäuser und wackelige Gerüstkonstrukte, über und durch all das hetzt Proyas seinen Protagonisten, setzt nur dezente Farbtupfer ein und erschafft so eine erdrückend finstere Welt voll von unvorstellbaren Gefahren.

Problematisch wird die Sache leider, wenn mal wirkliche Action gefragt ist. Die ist in der Theorie immer eine äußerst nette Sache, weil Proyas genau die richtige Balance zwischen Intrigue und Action findet und die tatsächlichen Sequenzen hervorragend konzipiert sind, allein die Umsetzung schwächelt leider. Die temporeicheren Szenen sind oft eher unübersichtlich und es fehlt ihnen massiv an Intensität. Der große Showdown geht schon in die richtige Richtung, aber bis zur Klasse von Proyas nächstem großen Film, „I, Robot“, war es noch ein weiter Weg. Vielleicht muss das aber ja ganz einfach so sein, wahrscheinlich wäre „Dark City“ mit perfekt umgesetzten Actionszenen einfach durch den bloßen Überschuss an Awesomeness spontan explodiert.

Denn sonst stimmt hier eigentlich alles. Das Darstellerensemble ist relativ makellos, Rufus Sewell versteht sich normalerweise nicht so auf Protagonistenrollen, als John Murdoch macht er sich allerdings äußerst gut. Wer William Hurt, Kiefer Sutherland und Richard O’Brien bucht, der weiß eh, was er bekommt. Und abgesehen von ihren doch etwas exzessiven Augenbrauen macht auch Jennifer Connelly eine sehr gute Figur. Auch die Spezialeffekte sind gut gealtert und der Soundtrack ist mit seiner Melange aus Swing-Nummern, die gut ins frühe zwanzigste Jahrhundert gepasst hätten, und der industriell angehauchten Ambience-Musik ein echter Hinhörer. Was will man mehr?
Nicht viel. „Dark City“ ist ein atmosphärisches Meisterwerk und ein alles in allem großartiger Film, der es trotz eines manchmal leicht überforderten Skripts wahnsinnig gut schafft, Spannung und Action gegeneinander aufzuwiegen. Wer auf Neo-Noir steht muss das Ding gesehen haben.

Dark City
USA/Australien/1998
Regie: Alex Proyas
Darsteller: Rufus Sewell, William Hurt, Kiefer Sutherland
FSK: !6

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Filme abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s