Taxman – Der Steuerfahnder von Brooklyn (1999)

taxman

Manchmal steht man vor dem DVD-Regal und fragt sich nicht nur, was das da denn bitte ist, sondern auch, wie es denn da hingekommen ist. Also, ich zumindest. So geschehen beispielsweise bei „Taxman – Der Steuerfahnder von Brooklyn“. Wie, wann und vor allem warum ich die recht günstig aufgemachte DVD von McP meiner Sammlung hinzugefügt habe kann ich heute kaum noch rekonstruieren, wahrscheinlich war es entweder eine OFDB-Sammelbestellung oder ich habe mal wieder nach der Devise „Wenn ich eh schon Versandkosten zahlen muss, dann kann ich auch mal schauen, was sonst noch so geht“ einen Euro für jeden Film, den irgend ein eBay-Verkäufer angeboten hat, locker gemacht. So oder so, gestern merkte ich, dass „Taxman“ – wahrscheinlich schon seit ein paar Jahren – in meinem DVD-Regal wohnt. Grund genug, ihn einer genaueren Prüfung zu unterziehen.

„Taxman – Der Steuerfahnder von Brooklyn“ ist ein kurioser Film. Nicht nur handelt es sich um einen der wenigen Filme (und dann scheinbar auch noch den ersten), in dem „Matrix“-Badguy Joe Pantoliano den Protagonisten mimt, der israelische Regisseur Avi Nesher und Drehbuchautor Roger H. Berger (auf dessen Ermittlungen der Film angeblich lose basieren soll, aber nichts genaues dazu erfährt man im Internet mal wieder nicht) beackern auch ein eher unkonventionelles Sujet: Al Benjamin, gespielt von Pantoliano, ist – you guessed it – Steuerfahnder in Brooklyn und heftet sich an die Fersen der russischen Mafia, die nicht nur mittels einiger Tankstellen die Mineralölsteuer hinterzieht, sondern auch noch Leute, die darüber Bescheid wissen, unbürokratisch über den Haufen schießen lässt. Wieso das ein Job für einen Steuerfahnder ist und nicht für Polizei, FBI oder wen weiß ich kann ich nicht genau sagen, ich kenne mich mit den Rechten, Pflichten und Befugnissen von Steuerfahndern nicht aus (wobei ich bei anschließender Recherche feststellen konnte, dass die zumindest in Deutschland recht ähnlich zu denen eines Polizeibeamten sind), Fakt ist, dass der Film sich eh ein wenig schwer damit tut, Handlungen und Motivationen nachvollziehbar darzustellen. Das größte Problem dabei ist wohl, dass es sich um eine relativ charaktergetriebene Story handelt – die Sache kommt ins Rollen, weil Al Benjamin sich in den Kopf gesetzt hat, die Bösewichte zur Strecke zu bringen, die Ermittlungen müssen einige Rückschläge einstecken, weil Hitzkopf Benjamin sein Temperament nicht zügeln kann, etc. pp. – der Film sich aber empfindlich darum drückt, Joe Pantoliano überhaupt einen Charakter mit auf den Weg zu geben. Er ist die wichtigste Person des Streifens, hat die meiste Screentime, darf das Ding sogar noch mit einer der überflüssigsten Narrationen der Filmgeschichte begleiten (die eigentlich immer nur genau das verbalisiert, was gerade auf dem Bildschirm zu sehen ist), trotzdem haben wir als Zuschauer beim Anbrechen des Abspanns keinen blassen Dunst davon, wer Al Benjamin überhaupt ist. Die Augenblicke, in denen tatsächlich mal so ein bisschen was an Charakterentwicklung eingebaut werden soll, sind äußerst schlecht durchdacht. Wenn Benjamins Chef ihm empfiehlt, Urlaub zu nehmen, um sein Boot zu reparieren (wobei wir zuvor nie erfahren haben, dass er ein Boot hat, das kaputt ist, oder auch nur jemals wieder Bezug darauf genommen wird), wenn Benjamin darüber sinniert, dass er das Geld ja brauchen könnte, um seinen Kindern (die wir niemals sehen und von denen wir vorher nicht erfahren haben, dass sie überhaupt existieren) den Ballettunterricht zu bezahlen, oder wenn er in einem Halbsatz fallen lässt, dass er seine Frau nie betrügen würde (die wir ebenfalls nie zu Gesicht bekommen und erneut, von deren Existenz wir überhaupt in dem Augenblick erst etwas mitbekommen), dann fühlt sich das alles an, als ob wir es mit Referenzen auf Szenen zu tun bekommen, die der Film gerne gezeigt hätte, es aus irgend einem unerfindlichen Grund aber nicht getan hat. So kommt Benjamins Charakter als völlig arbiträr herüber, ohne roten Faden, ohne inhärente Logik, einfach nur irgend ein Typ, der gerade mal macht, was das Skript ihm mit auf den Weg gibt. Und schmierig noch dazu.

Joe Pantoliano ist ein großartiger Schauspieler, ich glaube, das wird niemand bestreiten wollen. Aber den großen Saubermann mimen ist nicht so sein Ding. Tut er hier auch nicht, Al Benjamin ist in den Szenen, in denen er ein wenig Charakter entfaltet, ein eher unleidlicher Typ. Und wenn das auf eine halbgare charakterisierung trifft, die uns nie auch nur den Anflug eines Hinweises darauf gibt, warum der Typ so versessen darauf ist, diesen Fall zu knacken, und dabei auch noch Leib und Leben riskiert (obwohl er öfter betont, dass er seinen Job hasst), sorgt das dafür, dass unsere Stakes in der Handlung eher gegen den Nullpunkt tendieren.

„Taxman“ ist kein schlechter Film. Er sieht recht schäbig aus, aber das liegt wohl auch am eher niedrigen Budget oder daran, dass die DVD-Version auf besserem VHS-Niveau ist, aber in seinen besten Augenblicken versprüht er einen recht ruppigen Großstadtcharme. Die wenigen Actionszenen sind zwar unspektakulär, packen aber in ihren lärmenderen Momenten okay zu. Und Michael Chiklis (Vic Mackey aus „The Shield“) ist wirklich exzellent als russischer Tankstellenbesitzer Rubakov (interessante Castingwahl, war Chiklis damals doch gerade erst mitte dreißig und damit nur neun Jahre älter als seine Filmtochter Elizabeth Berkley), auch Pantolianos Sidekick Wade Dominguez, der leider direkt nach Fertigstellung des Films verstarb, hat durchaus Charisma. Und ja, trotz seiner gelegentlichen wenig nachvollziehbaren Momenten (da ist nicht nur die halbgare Charakterzeichnung, sondern auch die Frage, warum verdammt es eigentlich so schwer ist, die Polizei oder die Staatsanwaltschaft bei einem Sechsfachmord dazu zu bewegen, irgend etwas zu unternehmen…) und seiner unfokussierten Struktur bleibt der Film über weite Strecken halbwegs interessant. In irgend einer Form herausragend ist er allerdings auch nicht. Eher was für Pantoliano-Fans, die ihn gerne mal in der Protagonistenrolle sehen wollen.

Taxman – Der Steuerfahnder von Brooklyn
USA/1999
Regie: Avi Nesher
Darsteller: Joe Pantoliano, Wade Dominguez, Michael Chiklis
FSK: 16

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